Wetterfrosch für Twitter-Gewitter

Twitter-Gewitter – le roi est mort, vive le roi

Twitter-Gewitter – le roi est mort, vive le roi

Allen Unkenrufen zum Trotz, hat sich Twitter als eine wichtige Social Media-Anwendung der heutigen Zeit etabliert. Hierzulande genießt die Mikroblogging-Plattform vielleicht so viel Zuneigung wie der Breitbandausbau, aber im internationalen Vergleich mit anderen Social Networks muss sich niemand verstecken. Bei diesem etwaigen Versteckspiel geht es nicht allein um Nutzerzahlen, Reichweiten oder Buzz, sondern eher um pointiertes Verbreiten von relevantem Content – in allen erdenklichen Dimensionen.

So können User via Twitter an öffentlichen Diskussionen teilnehmen (Social Content), in den offenen Dialog mit der Community treten, eigene Inhalte gezielt an die Stakeholder richten (Owned Content), als Kompetenzträger in Erscheinung treten (Earned Content) und auf Retweets anderer hoffen sowie per Promoted Tweets die Geschicke durch Mediabudget beeinflussen (Paid Content).

Die 8 Hebel des strategischen Content Marketings

Meilensteine des Microbloggings

Vor zehn Jahren also ging das lägst börsennotierte US-amerikanische Unternehmen mit Sitz in San Francisco an den Start. Seitdem wurden über 500 Milliarden Tweets versendet. Mittlerweile scheint der Dienst für Stars, Medien, Unternehmen und Privatpersonen unabdingbar zu sein.

Twitter hat in der Vergangenheit auch mehrfach eine politische Ebene eingenommen. Unter anderem wurde der Microblogging-Dienst in China und der Türkei wegen regimekritischer Nachrichten kurzerhand gesperrt. Während der Aufstände im Iran und in Syrien wurde die Plattform genutzt, um über die politischen Missstände in den Krisenregionen aufzuklären.

Was mit 140 Zeichen Text begann, ist sukzessive um Fotos, GIFs und Videos bis hin zu Live-Video gewachsen. Twitter ist ein digitaler Ort des Weltgeschehens, ein vielfältiges Interessens-Netzwerk und der schnellste Weg sich mit Menschen und Themen zu vernetzen und auszutauschen.
(Thomas de Buhr, Managing Director Twitter Germany)

#1 Erster Tweet ever, ever, ever

So fing alles. Den ersten Tweet überhaupt sendete Twitter-Mitgründer Jack Dorsey am 21. März 2006. Damals nannte sich das Social Network noch vokalfrei twttr. Dorsey selbst ist heute Vorstandsvorsitzender von Twitter. Mein erster Tweet im Juli 2011 war mit „Jetzt also endlich auch Twitter! Stivologne goes social…“ mindestens genauso werthaltig.

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#2 Hashtag-Idee kommt von Google

Der Vorschlag für ein Hashtag (engl. hash für das Schriftzeichen „#“ und tag für Markierung) kam im August 2007 vom ehemaligen Google-Designer und heutigen Uber-Mitarbeiter Chris Messina. Seit Juli 2009 sind Hashtags bei Twitter offiziell eingebunden und fester Bestandteil reichweitenstarker Tweets. Die Raute wird in zahlreichen Netzwerken eingesetzt, nur bei Facebook funktioniert die Suche mit dem Doppelkreuz nicht wirklich.

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#3 Osama bin Laden stirbt

Einst war Osama bin Laden als Anführer des Terrornetzwerks Al-Qaida einer der meist gesuchten Männer der Welt. Ohne es zu wissen, twitterte Sohaib Athar im Mai 2011 live über dessen Tod. By the way sei der rp15-Beitrag „The IS in Us“ von Thomas Wiegold und Sascha Stoltenow als absoluter Hörtipp zum Thema „Terroristische Kommunikationsstrategien“ genannt.

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#4 Für politische Schnelldenker

Geschlagene sechs Jahre hat Barack Obama benötigt, um nach der Einrichtung seines Twitter-Account auch davon Gebrauch zu machen. Zuvor verkündete er einmal über seine Berater und bereits wenige Sekunden nach Urnenschluss seine damalige Wiederwahl. „Vier weitere Jahre“ schrieb er und brach mit diesem Tweet Rekorde. POTUS steht übrigens für President of the United States.

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#5 Flugzeuge im Wasser-Bauch

Janis Krums fotografierte im Januar 2009 die Notwasserung eines Flugzeugs im Hudson River. Dieser Tweet brachte für Twitter und den Journalismus den Durchbruch. Allzu deutlich wurde aufgezeigt, wie wichtig Twitter für die Echtzeit-Reportage bei bedeutenden Ereignissen ist. In Deutschland machte die BILD via Periscope die Live-Kommunikation während einer Bombendrohung zu Germanys next Topmodel gesellschaftsfähig.

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#6 Wie ein Astronaut

Mike Massimo veröffentlichte im Mai 2009 den ersten Tweet aus dem All. Chris Hadfield interpretiert vier Jahre später David Bowie’s legendäre Single „Space Oddity“ mit einem eigenen Musikvideo direkt aus dem Weltraum. Der deutsche Astronaut Alexander Gerst wird 2014 zum Twitter-Star, als er seinen Aufenthalt an Bord der internationalen Raumstation ISS ausführlich der Erde näher bringt.

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#7 Reich und Schön

Während der Oscar-Verleihung im März 2014 tweetet Moderatorin Ellen DeGeneres ein Gruppen-Selfie mit einigen bekannten Hollywood-Größen. Das Foto wird zum meistverbreiteten Tweet aller Zeiten. Wie spontan das Oscar-Selfie wirklich war oder ob es sich um einen PR-Stunt von einem Smartphone-Hersteller handelte, wird wohl niemals final zu klären sein.

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#8 Aus, Aus, Aus! Das Spiel ist aus!

Noch auf dem Spielfeld twittert Lukas Podolski, nach der rauschende Ball-Nacht und dem grandiosen 7:1-Sieg über Brasilien, folgendes Foto. Twitter Germany nutzt dieses Bild jahrelang zur Promotion auf der Startseite. Insgesamt wird die Fußballweltmeisterschaft 2014 mit über 670 Millionen Tweets zu einem der größten Sportereignisse auf Twitter.

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#9 Fader Beigeschmack

Nachdem im Januar 2015 vermummte Islamisten die Redaktionsräume des Satiremagazins Charlie Hebdo gestürmt und mehrere Mitarbeiter erschossen hatten, zeigten Menschen weltweit ihre Solidarität mit den Opfern und Angehörigen. Der Grafikdesigner Joachim Roncin entwarf innerhalb einer halben Stunde nach den Anschlägen, als Sinnbild der Anteilnahme, den Schriftzug „Je suis Charlie“. Leider wurde der Slogan von Merchandising-Herstellern kommerziell verwendet, da ein Antrag für eine urheberrechtlich geschützte Marke nicht rechtzeitig einging.

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#10 Heul‘ doch!

Ein ganz persönlicher Twitter-Meilenstein war die Inszenierung der Agentur fischerAppelt, für die ich als Teamleiter am Kölner Standort tätig bin. Als Zeichen gegen die Empörungskultur und Shitstorms im Netz, wurden auf der re:publica 2015 in Berlin drei Büsten-Statuen von Kai Diekmann, Alice Schwarzer und Sascha Lobo aufgestellt. Zum Clou wurde die Aktion, weil die Betrachter mit bestimmten Hashtags via Twitter die Skulpturen rege zum Weinen brachten. Der Gesamtherausgeber der Bild-Gruppe himself, sorgte zusätzlich für ein großes Medienecho – für mich abermals die Bestätigung, bei genau der richtigen Content Group gelandet zu sein.

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Kritik und aktuelle Entwicklungen

Twitter ist auch oder gerade im zehnten Jahr des Bestehens eine der bekanntesten und verlässlichsten Social Media-Plattformen. Nichtsdestotrotz muss das Netzwerk scheinbar fortlaufend kämpfen, um gegen den etwa ebenso alten Platzhirschen Facebook oder Newcomer wie Instagram oder Snapchat zu bestehen.

Twitter ist über all die Jahre vom Nerd-Spielzeug zum anerkannten Recherchetool, Nachrichtendienst und Unterhaltungsnetzwerk geworden. Um zumindest als zweiter Sieger den Platz im Social Web zu verlassen, muss das Unternehmen aber eigentlich noch innovativer sein.

Das USP, die Anzahl der Zeichen auf 140 zu begrenzen und dennoch Platz für relevanten Content vorzuhalten, soll in naher Zukunft verwässert werden. Oder doch nicht. Die Überlegungen, das bisherige Limit von bis zu 140 Zeichen zu kippen, sind laut Firmenchef Jack Dorsey kein Thema mehr. Demnach bleibt die 140-Zeichen-Begrenzung bestehen und die bis zu 10.000 Zeichen angedachte Option eine Illusion. Vorerst – zu groß war der Aufschrei der Community nach dieser Ankündigung. Gut so.

Versteht ihr was von Vögeln?

Follower: Möchte man über Beiträge anderer Nutzer informiert werden, kann man ihnen „folgen“. Abonniert man den Nutzer entsprechend, werden dessen Tweets daraufhin in der eigenen Timeline angezeigt. Ein Nutzer, der einem anderen folgt, wird demnach als „Follower“ oder Anhänger bezeichnet.

Hashtags: Ein Hashtag ist eine Buchstabenfolge oder Zeichenkette, welche in einem Tweet bewusst hervorgehoben werden soll. Einerseits für die Markierung als solche und andererseits, um Suchenden die entsprechende Begrifflichkeit mit samt dahinterstehendem Thema direkt anzuzeigen. Es dürfen bei richtiger Verwendung weder Satz- noch Leerzeichen enthalten sein.

Threads: Der Begriff Thread ist eine hierarchische Abfolge von Konversationen im Internet. Im Deutschen entsprechen Ausdrücke wie Diskussionsfaden, Erzählstrang oder Gesprächsgegenstand diesem Anglizismus am ehesten. Sämtliche Threads können einzeln angezeigt werden. Diese Beiträge können wiederum von anderen Nutzern favorisiert (gelikt), retweetet (geteilt) oder mit einem eigenen Tweet kommentiert werden.

Tweeps: Die Verfasser von Tweets, also die Nutzer von Twitter, werden in der Regel als „Twitterer“ und seltener als „Tweeps“ bezeichnet. Dennoch sollte man diesen Begriff zumindest mal gehört haben.

Tweets: Als Tweet wird eine Art Statusmeldung, Neuigkeit oder Textbeitrag innerhalb von Twitter bezeichnet. Jeder Tweet ist auf maximal 140 Zeichen begrenzt. Links werden dabei standardmäßig verkürzt dargestellt. Sie sind öffentlich, d.h. auch für unangemeldete Leser sichtbar.

Eine Umstellung wurde hingegen vollzogen. Twitter zeigt die Nachrichten nicht mehr in chronologischer Reihenfolge an. Stattdessen wird die Abfolge der Tweets, die ein User sieht, von Algorithmen berechnet. Dieses Vorgehen kennen wir alle bereits von Facebook und Co. Außerdem darf nicht vergessen werden, dass die Kommunikationsplattform seit Anbeginn und weiterhin rote Zahlen schreibt. Es musste etwas passieren.

Spätestens seit den Tests im Dezember des vergangenen Jahres – als einigen Nutzern nicht-chronologische Timelines eingespielt wurden – war damit zu rechnen. Der Aufschrei „#RIPTwitter“ ist nach der Ankündigung vor einigen Monaten längst verflogen. Obwohl das Ende von Twitter massiv ausgerufen wurde, existiert es überraschenderweise noch immer. Auch die aus der erbosten Community angedrohte Fluktuation ist weitestgehend ausgeblieben.

Tweets nach vermeintlicher Relevanz zu ordnen, finde ich völlig legitim. Zumal die eingestreuten „Promoted Tweets“ sich noch in Grenzen halten. Gelungen finden ich ferner die Anzeige vergangener Tweets, getreu dem Motto: „was bisher geschah“ – also während meiner Abwesenheit. Letztgenanntes Phänomen ist mir bislang ausschließlich mobil begegnet.

Zu guter Letzt muss ich mit einer Hiobsbotschaft aufwarten. Twitter ist seit einigen Wochen kein Social Network mehr! Das Unternehmen hat nämlich in den Apple-App-Stores seine Mobile-Anwendung aus der Kategorie „Social Networking“ genommen und stattdessen der Kategorie „News“ zuordnen lassen.

Ein Trick, um den Wettbewerb mit anderen Social Media-Apps zu umgehen. Mit Erfolg: Dank der Neuausrichtung, landete Twitter innerhalb kürzester Zeit auf Platz eins des Rankings für Nachrichten-Apps – noch vor dem Social-News-Aggregator Reddit sowie den Applikationen großer Medienhäuser.

Zudem konnte ein leichter Anstieg der Nutzerzahlen verzeichnet werden. In der alten Kategorie war Twitter zwar in der Top Ten vertreten, hatte jedoch durch Facebook, WhatsApp und Instagram zu starke Konkurrenz. Im Google Play Store befindet sich die App übrigens noch in der Social-Kategorie.

Ich bin fest davon überzeugt, dass wir von Twitter noch sehr viel profitieren und hören werden. So können wir uns auf den Rollout von „Moments“ freuen, was als kuratiertes News-Format in den USA gestartet wurde. Außerdem gibt es dort einige Bewegungen beim Live-Streaming. Bis dahin haben wir ja Periscope und uns.

Wie nutzt ihr Twitter? Was könnte eurer Meinung nach verbessert werden? Wo liegen die großen Unterschiede zu anderen Social Networks?

Dieser Beitrag ist anlässlich des zehnjährigen Jubiläums von Twitter und in erster Linie der Blogparade #TwitterundIch von Michaela Vogl über brandwatch entstanden.


Autor: Stefan Schütz /
Foto: Gabriela Neumeier / pixelio.de

Comments
  1. Mal wieder ein toller Artikel aus dem ich einiges lernen konnte. Weiter so!
    Liebe Grüße
    Verena

    • Hallo Verena,

      vielen Dank – sowohl mit Twitter als auch mit diesem Blog geht es so weiter 😉

      LG
      Stefan

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