Social Network Ello

Hello, ello, turn your social media on!

Hello, ello, turn your social media on!

Is there anybody out there?

Erinnert sich noch jemand an „Amen“? Damit meine ich nicht das mickrige Stoß- oder Schlussgebet beim letztjährigen Kirchenbesuch zu Weihnachten, sondern vielmehr das Soziale Netzwerk – einer von zahlreichen Versuchen, Facebook in vermeintlich schlechten Zeiten (Datenschutz, Klarnamen, Reichweite) Paroli zu bieten und damit gnadenlos zu scheitern! Nun also Ello…

Als hätte ich es gewusst 😉 Zu Jahresbeginn habe ich mich über Kommunikations-Trends ausgelassen und in Anlehnung an meine Fußball-Leidenschaft von einer „Überraschungsmannschaft“ hinsichtlich Social Networks geschrieben. Tataa, wir können diese doch einfach „Ello“ nennen. Um es vorweg zu nehmen: Auch wenn sich das neue Netzwerk insbesondere als Facebook-Konkurrent positioniert, wird es genauso wenig dem Geschäftsergebnis des blauen Riesen etwas anhaben können wie sämtliche Unkenrufe à la Datenschutz-Aufschrei, Reichweiten-Schwund oder Jugend-Abgang.

Dennoch wird derzeit unheimlich viel über Ello geschrieben und gesprochen. Springen wir also auf den Hype auf und begutachten das durchaus ehrenhafte Vorhaben. Schließlich ist wird doch alles anders und besser und überhaupt:

Manifest von Ello

No Fear Shakespeare

Im Moment existiert Ello noch in einer Beta-Version, d.h. man bekommt nur einen Zugang über eine Einladung eines bereits registrierten Mitglieds. Wie es der Zufall so will, kann ich noch zehn sieben Einladungen aussprechen – einfach eine Nachricht hier im Blog hinterlassen und schon geht es los. So freue ich mich schon jetzt über Meinungen, Einschätzungen und Anregungen!

Der Ansatz von Gründer Paul Budnitz (ursprünglich wurde das Netzwerk von sieben Künstlern und Designern zu privaten Zwecken ins Leben gerufen – was wiederum stark an die Gründungsphase von Twitter erinnert) besteht darin, die Plattform möglichst schlicht, übersichtlich und vor allem werbefrei zu gestalten. Ob das auf Dauer wirklich durchzuhalten ist, sei zunächst dahingestellt. Am Ende des Tages wird man sich wie alle anderen finanzieren müssen. Im Augenblick hat es den Anschein, dass die Finanzierung über zusätzliche Features gewährleistet werden soll. Mit anderen Worten: Zahle gefälligst, um die gesamte Palette an individuellen Gestaltungsmöglichkeiten deines Profils ausnutzen zu können. An dieser Stelle gehe ich konform mit Nicolas Scheidtweiler, der den Mehrwert nicht erkennen kann und zum jetzigen Zeitpunkt kaum für weitere Funktionalitäten zahlen möchte.

Stutzig, da irgendwie doch so gar nicht uneigennützig, macht mich zudem die Aussage

When you use Ello, we collect some information related to your visit. This information helps us understand how people are using Ello, so we can make Ello better.

Behind the scenes

Maike Haselmann, Social Media Koordinatorin bei der FAZ, zeigt im folgenden Video, wie es in der geschlossenen Testphase bei Ello aussieht. Sie gab mir wertvolle Anregungen, erklärt Einsteigern anhand von anschaulichen Tipps die Handhabung und gewährt so Einblicke hinter die Kulissen:

Now that’s going too far

Ello ist schon verheißungsvoll, lässt gerade am Anfang aber noch viel Spielraum offen. Das Nutzungsverhalten in anderen Netzwerken lässt wenig Hoffnung auf dauerhafte Ruhe zu. Es wird wieder User geben, die die jetzigen Freiheiten schamlos ausnutzen, ihr Unwesen treiben und vielleicht die Freude nehmen werden. Trolle gibt es bekanntlich überall und es werden mehr, da es auch mehr digitale Kanäle und somit Möglichkeiten der Verbreitung gibt – Ello ist da keine Ausnahme. Die aufgestellten Regeln müssen jedenfalls sukzessive mit Leben gefüllt werden.

Unter dem WTF-Button (what the fuck) auf der „About-Seite“ können die bestehenden „Rules“ eingesehen werden. Obwohl bei Ello verständlicherweise alles auf Englisch ist, kann man den Anweisungen ohne Probleme folgen. Die meisten Schritte der Anmeldung sowie ersten Kontaktaufnahmen usw. sind ohnehin selbsterklärend und ansonsten für absolute Neueinsteiger gut nachzuvollziehen. Ich habe mir fest vorgenommen, so lange wie möglich und es meine Motivation zulässt bei Ello auf Englisch zu kommunizieren. Wer meine Fremdsprachen-Kenntnisse einzuordnen weiß, wird meine persönliche Challenge verstehen. Vielleicht kann ich so mein Englisch ein wenig auffrischen und wieder etwas dazulernen. Deshalb gibt es im hiesigen Blogpost auch so viele Anglizismen. Wenn es dem einen oder anderen Leser wie mir geht, dann bauen wir doch gemeinsam die vermeintliche Sprachbarriere ab und lesen uns zusammen ein. Nichtsdestotrotz wird es im Blog PR-Stunt auch zum Thema Ello muttersprachliche Ausführungen geben.

The Decalogue. Die Zehn Gebote.

based on rules of ello

  1. Don’t threaten people. Bedrohe keine Person.
  2. Don’t Hate. Keine Hasstiraden anstimmen.
  3. Don’t Spam. Nicht spammen.
  4. Don’t Automate. Bots sind unerwünscht.
  5. Don’t infringe on other people’s copyrights and trademarks.
    Verstoße nicht gegen Urheberrechte und respektiere Schutzmarken.
  6. Don’t squat on usernames.
    Besetze nur eigene Namen und verhindere nicht die Nutzung anderer.
  7. Don’t impersonate others. Sei du selbst.
  8. Don’t hurt young people.
    Gleichberechtigung und Wertschätzung auf Augenhöhe.
  9. Don’t use Ello to intrude on other people’s privacy.
    Mische dich nicht in Privatangelegenheiten ein.
  10. Don’t post sexually explicit content without flagging your profile Not Suitable for Work (NSFW). Poste keinerlei unpassende oder gar sexuelle Inhalte. Internetseite, die auf der Arbeit nicht angesehen werden sollte bzw. nicht arbeitsplatzsicher ist (NSFW).

Keine außergewöhnlichen Leitlinien – Bekanntes und Bewährtes. Ein freundlicher und zuvorkommender Umgangston wird bevorzugt. Authentische und regelmäßige Kommunikation wird eingefordert. Diskriminierungsfreiheit und ethische Grundsätze werden vorausgesetzt.

La, la, la, life is a strange thing

Wenn Menschen Neues wagen und Dinge anders machen oder zumindest (aus)probieren wollen, ruft das zu allererst die Bedenkenträger und Moralapostel auf den Plan. Stellvertretend für die teils niederschmetternde Kritik sei der Kommentar „Ello und Goodbye“ von c’t-Redakteur Herbert Braun herausgegriffen:

You are not a product. Das sind schöne Aussagen, und die darauf folgenden Bekenntnisse zu Datenschutz, Zensur- und Werbefreiheit sowie allgemeiner Gutartigkeit können einem Tränen der Rührung in die Augen treiben […] Verglichen mit Ello wirkt sogar Twitter wie ein Feature-Monster – es kann nicht viel, außer gut auszusehen. […] Sobald der Start-Zauber verflogen ist, dürfte nicht viel übrig bleiben vom Social Herbsthype 2014. Ein netter kleiner Dienst mit sympathischen Ideen, der zu früh zu groß wurde.

Eigentlich braucht es in waghalsigen Situationen doch Optimismus. Think positive. In Anlehnung an das schwarz-weiße Ello-Design respektive Layout gebietet es sich deshalb, eine Gegenmeinung einzuholen. Exemplarisch teile ich die fast euphorische Sichtweise von Florian Blaschke alias Trotzendorff vom t3n-Team. Denn „Wer jetzt schon an Ello zweifelt, hat Facebook verdient„:

Jetzt sind da sieben Jungs, die etwas ändern wollen. Die haben ein Manifest, das mich schon überzeugt hat, bevor ich auch nur einen Pixel vom eigentlichen ‚Produkt‘ gesehen habe. Weil ich ihnen das abnehme, was sie da schreiben. Weil ihre Kommunikation glaubwürdig ist. Weil sie ein Netzwerk entwickelt haben, das eigentlich nur für sie war. Weil da gerade etwas Neues entsteht und am Ende dann doch ein paar Menschen positiv reagiert haben und mitmachen wollen und Optimismus verbreiten.

Let’s see what this does

Spezielle Features wie Kommentare, Reposting, private Nachrichten, Chrome-Extension und vieles mehr sollen in nächster Zeit ausgerollt werden. Auch an Standalone-Apps wird bereits fleißig gearbeitet. Bis Jahresende sollen die Apps für iOS und Android zur Marktreife gebracht und veröffentlicht werden. Zudem ist ein Pendant zu Facebooks Like und Twitters Favs geplant: ein Herz unter jedem Post – die sogenannte „love function“. Sie dient sowohl als Like oder Fav, aber auch als Bookmark. Darüber hinaus wird das Crossposting zu anderen Netzwerken implementiert. Bald können Nutzer auch Videos von YouTube oder Vimeo sowie SoundCloud-Files per URL einbetten. Ferner werden selbstverständlich auch Emojis unterstützt. Was Ello sonst noch kann, verrät Johannes Schuba in einem Screencast:

Ein wesentlicher Unterschied zu den meisten anderen Netzwerken ist auch das „Omnibar“ genannte Eingabefeld für Posts. Hier lassen sich beispielsweise Grafik-Dateien per Drag & Drop bequem einfügen, Texte lassen sich fetten und kursiv schreiben und einzelne Textteile können mit Links versehen werden. Zusammengefasst sieht das dann so aus:

Omnibar bei Ello

Können wir nur hoffen, dass den Machern nicht wie den Vorgängern frühzeitig die Luft ausgeht. Oder um im vertonten Bild zu bleiben: Just when you think you learned how to use it – it’s gone.


Autor: Stefan Schütz /
Foto: daniel stricker / pixelio.de

Comments
  1. Danke für den tollen Beitrag, er hat mich richtig neugierig gemacht.

    Obwohl: Das Argument „werbefrei“ zieht bei mir nicht. Oder kaufen manche Leute keine Zeitungen mehr, weil da Werbung drin ist? Ich widme der Werbung auf Facebook ähnlich viel Aufmerksamkeit wie der im Spiegel und Stern: keine (jedenfalls nicht bewusst (;o))!

    • Hallo Florine,

      vielen Dank – noch bist du meiner Einladung aber nicht gefolgt 😉
      In diesem Sinne: bis bald!

      Stefan

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