Halbwertszeit von Printmedien

Die Printmedien sind schon wieder in Not

Die Printmedien sind schon wieder in Not

Auferstanden aus Ruinen. Und der Zukunft zugewandt.

So unpassend und doof die Subhead klingen mag, so treffend ist die falsche Wahrnehmung der Verlage. Also zur Lage der Verlage. Kaum jemand würde freiwillig Fehler anstandslos oder gänzlich ohne Magengrummeln eingestehen wollen. Aber ein klitzekleines Zugeständnis oder selbstkritisches Statement hat noch niemandem geschadet. Sollte die Energie dann noch für konkrete Lösungsansätze oder geniale Ideen ausreichen – dann ist der Weg in eine rosige Zukunft geebnet… lässt sich übrigens auf sämtliche Lebenslagen übertragen, ist zitierfähig und hat einen irren Sound!

Wer jetzt noch über den aberwitzigen Teaser lachen kann, beweist Humor – ist aber vermutlich kein Redakteur, Journalist, Kontakter und nicht in sonstiger Form mit einem Zeitungsverlag verbandelt. Denn die haben nichts zu lachen. Jedenfalls nicht mehr so häufig wie früher. Und wenn überhaupt ausschließlich im Keller. Dahin geht es derzeit nämlich schnell, nahezu ausnahmslos. Tageszeitung, Wochenzeitung, Anzeigenblatt. Die dunkle Seite der Medienmacht ist unaufhaltsam und „breaks for nobody“ (Filmfreunde verstehen das).

Eigentlich wollte ich diesen Beitrag schon ein wenig früher posten. Aber die erschütternden Ereignisse in Paris haben mich zu einem Aufschub bewegt. Ich fand es schlichtweg pietätlos von Printmedien und Tod zu sprechen (der ursprüngliche Titel lautete „Die Printmedien sind schon wieder tot“) – wo doch beides an einem Tag, ganz anders als es jemals für möglich gehalten wurde, im direkten Zusammenhang stand. Je suis Charlie!

Es ist schon erstaunlich, wie schnell manch einer zur Tagesordnung übergeht. Schon wenige Tage nach dem Anschlag auf das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“ und der überwältigenden Anteilnahme, gibt es tatsächlich Interessensbekundungen zum Markenschutz des zum weltweit bekannt und zum Inbegriff für Solidarität gewordenen Slogans respektive Logos „Je suis Charlie“. Das ist (äußerst milde ausgedrückt) doch grotesk!

Kann es noch schlimmer kommen? Leider Ja! OK, einige Printmedien haben ordentlich einen auf den Deckel bekommen. Ob richtig oder falsch, steht jetzt nicht zur Debatte. Aber den Pariser Terroranschlag zur befreienden Selbstheroisierung zu nutzen, ist wiederum gar nicht so OK. Der Journalist und Autor Wolfgang Michal fragt in diesem Zusammenhang, ob „der Mord an den Satirikern von Charlie Hebdo wirklich den Journalismus rehabilitiert?“. Seine Kritik bezieht sich auf einen Artikel bei ZEIT ONLINE vom stellvertretenden Chefredakteur und Leiter des Politikressorts, Bernd Ulrich. Darin heißt es unter anderem:

In den vergangenen Monaten haben wir uns unablässig mit der Krise unserer Branche beschäftigt, mit Auflagen und Klicks, mit dem Verhältnis von Print und Online, zuletzt auch viel mit dem permanenten Shitstorm gegen die ‚Lügen- und Mainstreampresse‘. Diese Diskussionen waren weder überflüssig noch werden sie nach dem 7. Januar 2015 aufhören. Doch vielleicht hat all das uns vom Wesen unserer Arbeit und der Würde unseres Berufs mitunter abgelenkt. Und von den Gefahren, die damit verbunden sind, nach der Wahrheit zu forschen, seine Meinung zu sagen und der Intoleranz Schmerzen zuzufügen […]

Dagegen wirkt mein ruckelig anmutender Übergang zum ursprünglichen Ansinnen (Rückblick: mir ging es eigentlich um die Zeitungskrise) völlig harmlos. Also lieber den Einschub als Hintergrundinformation abspeichern, den Teaser nochmals durchlesen und bitte genau an diese Stelle zurückkehren:

immer nur am meckern

Der geübte Leser stellt an diese Stelle fest: einen konstruktiven Vorschlag zur Problembewältigung habe ich auch noch nicht geliefert. Dabei darf man nicht vergessen, dass ich als vorvorletzter Mohikaner ein Zeitungsabonnement besitze und als Jugendlicher einen Regenschirmreparaturdienst eröffnen wollte.

Ich hab‘ halt tolle Einfälle und nicht bloß ab und zu, ne ständig, und der beste war das Unterhosentattoo. Funny van Dannen

Scheinbar habe ich die Weisheit nicht mit Löffeln gefressen. Jedoch ist jene wiederum nicht letzter Schluss. Neugierde und Interesse helfen über diesen wunden Punkt hinweg. So bin ich tatsächlich am Tag, als Conny Kramer abermals starb, auf eine wirklich gute Idee gestoßen. Diese möchte ich nicht vorenthalten…

immer nur dabei

Die Zeitungsbranche muss sich dringend und irgendwie modernisieren, besser noch: neu erfinden. Den Journalismus, das Geschäftsmodell oder einfach alles. Weitblick und Mut müssen her, gepaart mit kontrollierter Offensive (Fußballfans verstehen das). Sich an die eigene Nase packen, was durchweg positiv gemeint ist. Im Grunde haben doch solide Werte und Tugenden einst zu großen Erfolgen geführt. Was spricht also gegen die Rückbesinnung auf das Wesentliche? Einzelnen Trends ernsthaft nachzugehen, einen kritischen Blick hinter die Kulissen zu werfen, Nischen zu besetzen, Innovationen voranzutreiben und die sich stetig ändernde Medienlandschaft entscheidend mit zu entwickeln – allesamt schöne Visionen, die für diesen sicherlich einschneidenden Lernprozess herhalten können.

In den meisten Gesichtern der Beharrungskräfte Führungskräfte ist jedoch Ratlosigkeit, Hilflosigkeit und Übelkeit abzulesen. Ha, ab-zu-lesen. Die Leserzahlen zeugen vielmehr von „abzuleben“! Ein verzweifelter Versuch dem entgegenzuwirken, war die Einführung der sogenannten Paid Content-Angebote. Bereits mehr als 100 Zeitungen haben ein Online-Bezahlmodell eingeführt. Der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) unterscheidet hierbei zwischen „Metered Model“, „Harte Bezahlschranke“ und „Freemium“. Bei letztgenanntem Ansatz entscheidet die Redaktion proaktiv, welche Webinhalte kostenpflichtig sind. Bei der Variante „Harte Bezahlschranke“ sind sämtliche Beiträge nur gegen Bezahlung freigeschaltet. Beim „Metered Model“ können die User hingegen eine bestimmte Anzahl an Artikeln im Monat frei lesen, bevor sie sich registrieren und bezahlen müssen.

immer nur weitermachen

Immer wenn ich erleuchtet bin, denke ich na schön – jetzt bist du wieder erleuchtet, kann ja jeder seh’n. Funny van Dannen

Spontan fallen mir zwei innovative Erleuchtungen ein: dass auch Agenturen den Ernst der Lage verstanden haben, zeigt großartig DAS LAB von achtung! Ziel ist es, sämtliche Gewerke wie „Kreation“, „Digital“, „Redaktion“ und „Bewegtbild“ usw. miteinander zu verzahnen. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, müsste man meinen. So ist es nicht nur für mich ein Vorzeigeprojekt.

Exkurs beendet. Kommen wir doch zurück zum Thema. Von wegen Printkrise und so. Hier gibt es nämlich ein vorzeigbares Großvorhaben, welches noch ein büschn näher dran ist. Wir driften sonst zu sehr ab: schließlich rettet die dpa mal eben den Journalismus. Es kann muss nur einen geben! Die Deutsche Presse-Agentur will nicht weniger als das Innovationstempo in Deutschlands Medienlandschaft auf die Spitze treiben und möglichst die Kernprobleme der ganzen Branche lösen.

Jetzt bedarf es nur noch einen geilen Namen… der Next Media Accelerator soll Junge Unternehmer, Startups und Entrepreneure unterstützen sowie journalistische Produkte, Innovationen, Geschäftsmodelle, Recherchetools oder Bewegtbilderkenung in den Fokus rücken und fördern. Als Grundlage für den digitalen Journalismus der Zukunft. Abgekupfert in den USA, wo unter dem Motto „Changing media for good“ nach einem ähnlichen Prinzip fungiert wird. Dort erfährt das Projekt unter anderem Unterstützung von der New York Times. Es besteht also noch Hoffnung, und die stirbt zuletzt.

Wer übrigens wissen möchte, wann die lieb gewonnene Tageszeitung des Vertrauens nicht mehr unter uns weilt, der möge das Open-Data-Projekt „Zeitungssterben“ aufsuchen. Die Agentur OpenDataCity visualisiert darin, auf Basis von IVW-Kennzahlen, in welchem Jahr ein Printmedium seine Halbwertszeit erreicht hat. Bestimmt wieder nur eine dieser Zahlenspielereien. Dennoch bleibt das Grundproblem bestehen und nicht mehr viel Zeit zum Handel… 


Autor: Stefan Schütz /
Foto: Petra Bork / pixelio.de

Comments
  1. Ray

    Bei t3n hat vor einiger Zeit jemand die Perspektive angesichts aktueller Entwicklungen einmal umgedreht, und das klingt recht interessant: http://t3n.de/news/medien-portale-snapchat-facebook-610560/

    • Hallo nach Berlin,

      ein Perspektivwechsel sowie kritische Offenheit schadet sicher nie. Aber auch der genannte Beitrag beleuchtet zunächst die Fehler der Medien. (Auch nicht wirklich) „Neu“ ist lediglich der Ansatz, dass Social Media ohne News langweilig seien…

      Naja, danke für den Hinweis
      Stefan

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